Lernerfahrungen auf der Spur. Vignetten- und Anekdotenforschung an Tiroler Volksschulen

Das Forschungsprojekt Lernerfahrungen auf der Spur. Vignetten- und Anekdotenforschung an Tiroler Volksschulen, das von der Pädagogischen Hochschule Tirol in Kooperation mit Ingrid Handle (Bildungsdirektion Tirol) und Evi Agostini (Universität Wien) durchgeführt wurde, untersuchte Lernerfahrungen von Kindern in Volksschulen. Fünf Forschende begleiteten ab dem Schuljahr 2021/22 bis zum Schuljahr 2024/25 20 Kinder an zehn öffentlichen Volksschulen in Tirol in mehreren Feldphasen von der ersten bis zur vierten Schulstufe durch ihren Schulalltag. Das Team wurde jeweils ein Jahr lang von vier Masterstudierenden unterstützt, die auf der Basis der gewonnenen Daten ihre Masterarbeiten verfassten. Dabei galt die Aufmerksamkeit besonders jenen Aspekten von Erfahrung, die „vor jeglicher reflexiven Einordnung, pädagogischen Wirkung oder endgültigen (kognitiven) Erkenntnis ins Blickfeld der Forscher*innen geraten” (Agostini et al., 2023, S. 37): Was erfahren Kinder in der Schule, was widerfährt ihnen? Wie antworten sie – leiblich und sinnlich – auf die dort an sie gestellten Ansprüche? Ausgehend von der Miterfahrung im Feld verfassten Forscher*innen (Roh-)Vignetten, die mit den Schüler*innen und im diskursiven Austausch in einer Forschungsgruppe validiert wurden.

Aus dem Projekt ist eine große Zahl an Vignetten entstanden, die in Forschung, Lehrer*innenaus- und -fortbildung sowie in der Schulentwicklung eingesetzt werden können (und bereits werden). Viele im Projekt entstandene Vignetten sind auf der Website des Netzwerks der Vignettenforschung publiziert (Link). Je 40 Vignetten werden in sogenannten Vignettenboxen präsentiert, die von Kolleg*innen in der hauseigenen Bibliothek ausgeliehen werden können.

Folgende Phänomene und Facetten des Lernens an Volksschulen haben sich insbesondere als bedeutsam erwiesen: Lernen mit und von anderen, Stimme – die Macht der Akustik, soziale Eingebundenheit/Beziehung, Motivation/Anfangen-Können(Wollen) und Durchhalten, anregende Aufgaben (und weniger anregende), Diversität als Herausforderung und Chance, Zeitaspekte – Lernen im Stundentakt und subjektive Zeiterfahrung, Vertieftsein – sich einlassen und vertiefen, Leistung und Leistungsbewertung/-beurteilung, scheitern, Raum – Räume zum Lernen, Sicherheit. Einige davon wurden in wissenschaftlichen Beiträgen, Masterarbeiten und Präsentationen bei wissenschaftlichen Tagungen näher untersucht.

Literatur

Agostini, E.; Rathgeb, G.; Saxer, B.; Waldner, N. (2023). Wahrnehmen ist mehr als sehen. Das wahrnehmende Potenzial phänomenologischer Vignettenforschung für die Professionalisierung von Lehrpersonen und die Unterrichts- und Schulentwicklung. Transfer, Heft 9, 36–51.

Rathgeb, G., & Heidegger, C. (2026). Lernen im Stundentakt und subjektive Zeiterfahrung: phänomenologische Perspektiven auf Diversität und Zeitlichkeit. In C. Aspalter, B. Herzog-Punzenberger, N. Kraker, & G. Wagner (Hrsg.), Diversität diskursiv. Bildungswissenschaftliche Zugänge und pädagogische Perspektiven. Waxmann (in Vorbereitung).

Saxer, B., & Thanei, M. (2025). Ethos im Lehrer*innenberuf. Von der Lektüre phänomenologischer Vignetten zu einer genuin pädagogischen Haltung. In U. Barth, & A. Wiehl (Hrsg.), Ethos in der Pädagogik – eine professionelle Haltung reflektieren und ausbilden. Beltz Juventa.