Phänomenologische Vignetten- und Anekdotenforschung

 

Das Netzwerk „Phänomenologische Vignetten- und Anekdotenforschung“ – kurz „VignA“ – ist ein Zusammenschluss von Forscher*innen an verschiedenen Institutionen in mehreren Ländern, die in der Forschung und/oder Lehre mit phänomenologisch orientierten Vignetten und/oder Anekdoten arbeiten.

Den Ausgangsstandort der Vignetten- und Anekdotenforschung bildet die Leopold-Franzens-Universität Innsbruck. Mehrere Forschungsteams am Institut für LehrerInnenbildung und Schulforschung (ILS) arbeiten seit 2009 an der Entwicklung von Vignetten und Anekdoten im schulischen Kontext, unterstützt durch eine zweifache Förderung durch den österreichischen Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF). Weiterentwickelt wurde dieser Ansatz der „Innsbrucker Vignetten- und Anekdotenforschung“ insbesondere an der Freien Universität Bozen („Brixener Vignettenforschung“) sowie an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt, wo Vignetten und Anekdoten auch in sozialen Räumen jenseits der Schule Erprobung finden.

Im Zentrum der Vignetten- und Anekdotenforschung in (in-)formellen Bildungskontexten und sozialen Lernräumen stehen methodische Verfahren, die geeignet sind, (außer-)schulische Erfahrungsdimensionen, beispielsweise zu Phänomenen des Lernens und Lehrens bzw. pädagogischen Handelns, möglichst ,nah‘ an den Beteiligten zu erforschen. Vignetten wie Anekdoten sind ästhetisch verdichtete und situativ verfasste Narrationen, die, in einer miterfahrenden Forschungshaltung erfahrungsträchtig generiert, Lernerfahrungen verkörpern und leiblich erfahrbar machen.

Phänomenologisch orientierte Vignetten erfassen als qualitative Erhebungsinstrumente Erfahrungsmomente aus dem schulischen Alltag oder auch aus Lebenswelten und sozialen Räumen und verdichten diese in prägnante Szenen. Sie werden in einer miterfahrenden Forschungshaltung möglichst nah an den Beteiligten im Feld verfasst und aus Erfahrungsprotokollen zu erfahrungsträchtigen Narrationen verdichtet. Vignetten zeichnen sich stärker durch eine besondere Genauigkeit der Prägnanz – im Sinne von pregnant, d. h. trächtig, bedeutungsschwanger – aus als durch Präzision. Ausgangspunkt ist ein Verständnis von Lernen als Erfahrung, das danach verlangt, die Artikulationsweisen von Erfahrungen angemessen und respektvoll aufzuweisen. Die folgenden Forschungsfragen stehen dabei im Zentrum: Was ist es für eine Erfahrung, (Mathematik, Sprachen, Cello …) zu lernen, zu lehren, zu verstehen …? Was widerfährt Menschen dabei? Wie antworten sie auf Ansprüche, die sich dadurch stellen? Wie artikulieren sich solche Erfahrungen leiblich, räumlich, zeitlich und/oder relational? Durch die Beantwortung dieser Fragen entstehen differenzierte Einblicke in Bildungsphänomene in unterschiedlichen Kontexten. Der empirische Zugang der Vignettenforschung möchte den Bedeutungsüberschuss von Erfahrungen ausdifferenzieren, ohne diesen vorschnell zu kategorisieren oder abschießend festzuschreiben.

Vignetten können zudem als Professionalisierungsinstrumente in der Aus-, Fort- und Weiterbildung von (angehenden) Pädagog*innen sowie in der Schulentwicklung (inkl. Kindergarten oder anderen formalen Bildungsinstitutionen) eingesetzt werden. In sozialen Räumen angewandt, dienen sie dazu, Bewegungen im öffentlichen Raum zu verstehen sowie gesellschaftliche Ordnung zu reflektieren und auf ihre Wirkmacht hin zu befragen.

Die phänomenologisch orientierte Anekdotenforschung entstand als Weiterentwicklung des Forschungsansatzes der Vignettenforschung und ist eine Forschungsmethode zur Untersuchung von Lernvollzügen über längere Zeiträume hinweg. Das Interesse richtet sich auf Fragen wie: Was erfahren Schüler*innen in ihrer mehrjährigen Schulzeit, was lernen sie? Was bleibt wie in Erinnerung? Wie haben die Lernerfahrungen sie geprägt? Während Vignetten in einer miterfahrenden und teilhabenden Perspektive entstehen, bilden Forschungsgespräche über erinnerte Lernerfahrungen und deren Transkriptionen die Grundlage für Anekdoten. Auch Anekdoten finden als Professionalisierungsinstrumente, beispielsweise im Rahmen von Schulentwicklungsprozessen, Anwendung.

Von Innsbruck ausgehend haben sich diese Forschungsansätze an unterschiedlichen Standorten in und außerhalb Europas verbreitet und weiterentwickelt. Um neueste Erkenntnisse auszutauschen sowie weiterführende Projekte und Veranstaltungen auszuführen und zu planen, finden regelmäßig Netzwerktreffen  – mit unterschiedlichen Themenschwerpunkten (siehe Aktuelles) und Kooperationspartner*innen – statt. Die Sammlung von Vignetten und Anekdoten gibt einen Einblick in die Arbeit der Forscher*innen. (Aktuelle) Publikationen sind beim Punkt Literatur angeführt. Unter Koordination wird Einblick in Aufbau und Leitung des Netzwerkes gegeben. Weiterführende Hinweise zum Netzwerk finden sich unter Links & FAQ

Alle Bilder auf der Website sind von Tobias Loemke; mehr dazu unter "Archiv der Aufmerksamkeit".

 

Bilder: © Tobias Loemke »Bewegte Blätter«, »Türkiser Schatten«, »Tanzende Geranie«, »Rote Nadeln« (2015)